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Deutschland und Polen

im Spiegel amerikanischer Geheimdokumente, Teil 2

Dr. Alfred Schickel

Zum 1. Teil

Nachdem unser Mitarbeiter im ersten Teil seines Beitrages im letzten Heft die Entspannungsbemühungen der Regierungen in Warschau und Berlin während der Mitte der dreißiger Jahre beschrieben hatte, schilderte er noch die zunehmenden »Querschüsse aus Washington« und den Beginn der Interventionspolitik Roosevelts und seines Pariser Botschafters Bullitt. Mit der anschließenden Verschärfung der politischen Lage zwischen Deutschland und Polen ab Winter 1938/1939 befaßt sich die folgende Fortsetzung dieser Untersuchung.

 

 

Die deutsche Außenpolitik hatte sich seit Oktober 1938 dem Danzig-Problem zugewandt und sich in zwei Treffen zwischen Außenminister Ribbentrop und dem polnischen Botschafter Lipski geäußert. Danach sollte der vom Völkerbund verwaltete Freistaat in den deutschen Staatsverband zurückkehren, Polen jedoch zum Ausgleich bestimmte Rechte in Danzig und seinem Hafen erhalten, Daneben wünschte Berlin durch den Korridor »eine exterritoriale, Deutschland gehörige Reichsautobahn und eine ebenso exterritoriale mehrgleisige Eisenbahn« zwischen Pommern und Ostpreußen. Die polnische Seite konnte sich aber nicht zur Annahme dieser reichsdeutschen Vorschläge verstehen. Weder vermochte Hitler bei seinem Gespräch mit Beck noch Ribbentrop bei seinem Staatsbesuch in Warschau am 26./27, Januar 1939 eine Zusage der polnischen Regierung zu erhalten, Polen hielt die bisherige Danzig-Regelung offenbar nicht für verhandlungsfähig und machte auch nicht die leiseste Andeutung einer Gesprächsbereitschaft in dieser Frage. Es liegt nahe, diese Kompromißlosigkeit mit den Bullitt-Gesprächen in Washington und Paris in Zusammenhang zu bringen.

Daß die polnischen Politiker, insonderheit der als »deutschfreundlich« geltende Außenminister Josef Beck, bereits im Winter 1938/39 eine andere Sprache über Hitler und seine Regierung sprachen als wenige Monate zuvor, erhellt aus amerikanischen Geheimakten jener Tage.

Da teilte der US-Botschafter in Warschau, Biddle, unter dem Datum des 10. Januar 1939 »strictly confidential for the President and the Secretary‹‹ nach Washington mit, was ihm der polnische Außenamtschef über seine Unterredungen mit Hitler und Ribbentrop am 5, und 6. Januar 1939 in Berchtesgaden berichtete. Danach habe der deutsche Reichskanzler während seiner allgemeinen »Tour d'horizon« eine »prahlerische Rückschau« auf seine Erfolge im vergangenen Jahr gehalten und sich ziemlich verärgert über Präsident Roosevelts Botschaft an den Kongreß vom 4. Januar 1939 gezeigt.

Die für Hitler ärgerliche Passage der Kongreß-Botschaft Roosevelts lautete: »Worte können wertlos sein, aber der Krieg ist nicht das einzige Mittel, um der Auffassung der Menschlichkeit die gemäße Achtung zu verschaffen. Es gibt viele Methoden, auch abgesehen vom Krieg, die viel stärker und wirksamer sind als bloße Redensarten. Es gibt viele Methoden, um den Angreifer-Regierungen die unseren Völkern gemeinsamen Gefühle verständlich zu machen. Das wenigste, was wir tun können, ist, jede Handlung und jede Unterlassung zu vermeiden, die einen Angreifer ermutigen, helfen oder stärken könnte. «

Nach dem Geheimbericht Biddles waren Beck und seine Regierung von diesen Ausführungen tief beeindruckt und zogen daraus die Folgerung, daß sich Polen und Frankreich alsbald über ihre Position gegenüber Deutschland einigen und schlüssig werden sollten, da man schließlich im gleichen Boot sitze. Näheres wollten Beck und der amerikanische Botschafter »in aller Ruhe« am Abend mit dem polnischen Generalstabschef besprechen. Aus den Bullitt-Darlegungen vom 19. November 1938 in Washington hatten sich also schon konkrete Regierungsvorstellungen über die künftige Haltung gegenüber Deutschland entwickelt.

Bei dem vertraulichen Abendgespräch zwischen Beck, Biddle und dem polnischen Generalstabschef am 10. Januar 1939 in Warschau dürfte auch die antideutsche Stimmung unter dem polnischen Offizierskorps nicht unbeachtet geblieben sein, die sich in den nachfolgenden Wochen noch bemerkenswert steigerte. Sie fand der US-Botschafter immerhin so wichtig, daß er sie in einem ausführlichen Kabel vom 20. Februar 1939 gleichfalls »strictly confidential« nach Washington meldete. Gewährsleute seiner Mitteilung waren der amerikanische Militär-Attaché in Warschau, Major Colbern, und der rumänische Botschafter in Polen. Die gerade zu beobachtende Beruhigung in den deutsch-polnischen Beziehungen betrachteten die polnischen Offizierskreise nach Mitteilung Biddles und seiner Informanten als eine vorübergehende Atempause, der auf kurz oder lang neue deutsche Anschläge folgen würden, die unter Umständen zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Polen und Deutschland führen könnten.

Aus einem anderen Vorkommnis, von dem Biddle »in strictly confidence« erfahren hatte, ging darüber hinaus hervor, daß auch die polnische Regierung von wachsender Antipathie gegenüber Deutschland erfüllt war. Lediglich der polnische Justizminister Grabowski galt noch als deutschfreundlich. Außenminister Beck, von dem vielfach behauptet wurde, daß er Deutschland gegenüber keine ablehnenden Gefühle habe, war jedenfalls nach dieser Quelle kein Sympathisant Berlins, wenn er sich auch vor sechs Wochen Hitler und Ribbentrop gegenüber freundlich gezeigt hatte.

Antideutsche Demonstrationen

Die »increasing anti-German feeling in Army circles and preponderant anti-German feeling in inner Government circles«, von denen in Botschafter Biddles Depesche No. 962 vom 20. Februar 1939 die Rede war, schienen sich auch auf den Straßen Warschaus und Posens zu verbreiten. Das bezeugt ein weiteres Geheimkabel der US-Botschaft in Warschau, In ihm berichtete Biddle von antideutschen Studentendemonstrationen vor dem Kriegsministerium in Warschau und dem deutschen Generalkonsulat in Posen. Sie wurden durch ein Schild ausgelöst, das nationalistische deutsche Studenten an dem Eingang der Danziger »Polytechnischen Hochschule« angebracht hatten und das die Aufschrift trug: »Für Hunde und Polen Zutritt verboten!« Die daraufhin von polnischen Studenten gefaßte Resolution mit der Forderung, Deutschland »wirtschaftlich, kulturell und sozial zu boykottieren«, schien ihren Kommilitonen in Warschau und Posen nicht zu genügen, so daß sie sich zu eigenen Protestzügen zusammenfanden, In der Hauptstadt sollen es nach Angaben des US-Botschaftsberichtes rund 500 Studenten gewesen sein, die vor dem Kriegsministerium »Nieder mit Hitler!« und »Nieder mit Becks prodeutscher Politik!« riefen, Danach riefen sie nach Marschall Rydz-Smigly und forderten ihn auf, Truppen nach Danzig marschieren zu lassen, Die Warschauer Polizei machte keinerlei Anstalten einzuschreiten, wodurch klar wurde, »daß die Regierung Sympathie mit der Demonstration hegte«. Versuche, die deutsche Botschaft zu erreichen, waren freilich vergebens, Laut amerikanischem Botschaftskabel trugen die polnischen Studenten in Posen die gleichen Forderungen vor und konnten eine Reihe von Fensterscheiben in der deutschen Bibliothek und den Büros einer deutschen Zeitung einschlagen.

Weitere, ungleich größere Demonstrationen waren für den nachfolgenden Sonntag geplant, unterblieben aber wegen des Eintreffens des italienischen Außenministers in der polnischen Hauptstadt. Am 27. Februar 1939, also zwei Tage nach diesem amerikanischen Botschaftsbericht, brachte die polnische Regierung dem deutschen Botschafter ihr Bedauern über diese Vorkommnisse zum Ausdruck und sagte strenge Bestrafung der Schuldigen zu. Nicht ausgeschlossen, daß die Anwesenheit Graf Cianos (vom 25. Februar bis 1, März) diese Entschuldigung mit befördert hat, war doch Italien dem Deutschen Reich ideologisch und durch die »Achse Berlin-Rom« mehrfach verbunden. Der sich vom 4, bis zum 6, März 1939 anschließende Besuch des rumänischen Außenministers Gafencu kam dagegen wieder dem Selbstverständnis Polens als aufsteigender Großmacht entgegen, wurden doch dabei erneut die Gedanken eines »dritten Europa« zwischen Ostsee und Schwarzem Meer - es war sogar von der Ägäis die Rede! - erörtert und einschlägige politische und wirtschaftliche Fragen besprochen.

Das polnische Großmachtstreben wurde am 11. März 1939 mit der Forderung der offiziösen »Nationalen Einigung« nach Erwerb von Kolonien unterstrichen. Mit dem Erwerb geeigneter Landstriche wollte man auch der freien Auswanderung »in Länder, in denen das Polenblut entnationalisiert wird«, entgegenwirken und seine Volkssubstanz erhalten.

Die deutsche Besetzung der Rest-Tschechei am 15. März 1939 nahm das offizielle Warschau zunächst gelassen hin und sprach schon am 16. März der nunmehr selbständigen Slowakei seine diplomatische Anerkennung aus. Dagegen verurteilte bekanntlich die amerikanische Regierung mit scharfen Worten das Vorgehen Deutschlands und weigerte sich, die de-facto-Übernahme der Verwaltung Böhmens und Mährens durch Deutschland als legal anzuerkennen. Unterstaatssekretär Sumner Welles erklärte am 18. März 1939 vor Pressevertretern sein Bedauern über das Vorgehen Deutschlands, »das den vorübergehenden Untergang der Freiheiten eines unabhängigen und freien Volkes zur Folge habe, mit welchem das amerikanische Volk besonders enge und freundschaftliche Beziehungen unterhalten habe«, und sprach in diesem Zusammenhang von »bewaffnetem Angriff« und »Willkürakten«. Die Formulierung vom »vorübergehenden Untergang« dürfte besonders für die Ohren des in Washington wohlgelittenen ČSR^-Expräsidenten Benesch gewählt worden sein; sie könnte freilich auch schon als eine versteckte Zielangabe künftiger amerikanischer Interventionspolitik verstanden werden. Der entschiedene Ton der Erklärung ist jedenfalls nicht zu überhören und fand alsbald auch in Warschau sein Echo.

Kein Nachgeben Polens

Das bestätigt auch Botschafter Biddles »strictly confidential« Geheimtelegramm vom 29. März 1939 an den »Secretary of State«. Darin gab er den wesentlichen Inhalt seines Gesprächs mit Außenminister Beck vom 28. März wieder. Es drehte sich in der Hauptsache um die deutsch-polnischen Beziehungen und die Entschlossenheit Warschaus, keinerlei Druck seitens des Reiches nachzugeben. Dafür stünde auch Polens wehrhafte Abwehrbereitschaft als »würdige, höfliche aber auch feste Antwort« auf bestimmte Ansinnen Berlins. Polen sei zwar für jede Verständigung auf der Ebene der Gleichberechtigung, jedoch nicht zugänglich für eine Lösung, die ihm durch Einschüchterung aufgenötigt werde. Daher wollte es einstweilen den gegenwärtigen Stand der Mobilmachung beibehalten, bis die gegenwärtige internationale Gefahr gewichen sei. Nach Auffassung Botschafter Biddles war Berlin in jenen Wochen »machttrunken« und nicht gewohnt, auf Widerstand zu stoßen; vielmehr würden deutsche politische Extremisten Hitler bedrängen, eine möglichst schnelle Annexion von Danzig durchzusetzen und auch die Ansprüche auf Durchfahrtsrechte durch den Korridor zu verwirklichen, Laut Biddles Bericht ist Marschall Rydz-Smigly damals davon überzeugt gewesen, daß Berlin darauf aus war, einen Krieg mit Polen zu provozieren; doch erfreue sich die feste Haltung der polnischen Regierung der geschlossenen Unterstützung durch das Volk, Und würde sie, etwa im Falle Danzigs, nachgeben, wäre das nicht nur ein Zeichen von Defaitismus, sondern würde auch zum Sturz der Regierung und damit auch Becks führen, Nach Meinung Biddles wäre der seinerzeitige deutsch-polnische Gegensatz nur beizulegen gewesen, wenn sich Berlin und Warschau auf eine klare Veränderung des Status von Danzig hätten einigen können und Berlin sich mit einem Wegerecht durch den Korridor - aber nicht einem exterritorialem Zugang - zufrieden gegeben und darüber hinaus auf weitere Streitfragen verzichtet hätte, wobei das Nachlassen der entstandenen schweren Spannungen zwischen beiden Ländern eine weitere Voraussetzung gewesen wäre.

Auf einen solchen Kompromiß einigten sich aber bekanntlich Polen und Deutschland nicht; und die USA schienen auch nicht gewillt zu sein, ihn durch eine entsprechende Empfehlung zu fördern, Freilich dürfte die polnische Führung solchen Ratschlägen gegenüber auch wenig empfänglich gewesen sein. Das geht zumindest aus einem geheimen Diplomatenbericht zweier britischer Emissäre hervor, die im Mai 1939 im Auftrag ihrer Regierung eine Informationsreise durch Polen unternahmen und bei dieser Gelegenheit mit maßgeblichen Warschauer Politikern und Militärs konferierten. Da gaben ihnen die polnischen Gesprächspartner unmißverständlich zu verstehen, daß es für sie »hinsichtlich Danzigs bestimmte Konzessionen gäbe, die kein Pole freiwillig mache«, und daß sie nicht begreifen könnten, daß Engländer von »der Rechtmäßigkeit der Ansprüche Herrn Hitlers« sprächen; dabei müßten sie fragen, »was die Deutschen eigentlich in Prag täten«. Schließlich wüßten sie, die Polen, »mit den Deutschen besser umzugehen« als die Engländer.

Mit dem Hinweis auf den deutschen Einmarsch in die Rest-Tschechei ist der maßgebliche Hintergrund für das polnische Verhalten aufgehellt.

Die Polen wollten nicht das nächste Opfer deutscher Revisions- und Expansionspolitik sein, sondern Hitlers diesbezüglichen Ansprüchen gleich von Anfang an militant entgegentreten. Die von Bullitt wiederholt zugesagte Unterstützung Polens durch die USA ermunterte Warschau zweifellos noch zusätzlich zu seiner kompromißlosen Haltung.

Englands Garantieerklärung

Zwei Tage nach Absenden des amerikanischen Botschaftsberichts erklärte dann der britische Premierminister Chamberlain am 31, März 1939 im Londoner Unterhaus, »daß die britische Regierung sich verpflichtet fühlt, Polen alle in ihrer Macht liegende Unterstützung zu leihen, wenn es … angegriffen werden sollte, namentlich wenn es klar wäre, daß der Angriff auf die Vernichtung der polnischen Unabhängigkeit abzielte, so daß der polnischen Regierung nichts anderes übrig bliebe, als sich mit ihren sämtlichen nationalen Mitteln zur Wehr zu setzen. Wir haben der polnischen Regierung entsprechende Zusicherungen gegeben«.

Damit war diese bislang einzigartige britische Beistandsgarantie gegeben, die in den Augusttagen dann noch bekräftigt wurde und schließlich am 1. bzw. 3. September 1939 zum Eintritt Englands in den Krieg gegen Deutschland führen sollte, nachdem deutsche Truppen am Morgen des ersten September-Tages nach Polen eingedrungen waren.

Einen ersten Schritt zur Mobilisierung seiner nationalen Wehrkraft hatte Polen im übrigen bereits am 28, März 1939 getan, als es die Emission einer Landesverteidigungsanleihe zum Zwecke des Ausbaus des Luftschutzes und der Luftstreitkräfte in einer Gesamthöhe von 1,2 Milliarden Zloty beschloß und General Skwarczynski am gleichen Tage erklärte, daß Deutschland durch seinen Einmarsch in die Rest-Tschechei ein fait accompli geschaffen habe, »wodurch Polen ohne Zweifel in eine schwere Lage« gebracht worden sei.

Nicht besser wurde die Lage Polens durch die Erklärung des faschistischen »Giornale d'Italia« vom 4. April, in welcher Warschau an die von England und Frankreich nicht eingehaltenen Garantien für die ÜSR erinnert wurde, und durch die Klarstellung Moskaus vom gleichen Tage, wonach sich die Sowjetunion in keiner Weise verpflichtet fühle, Polen im Kriegsfall mit Kriegsmaterial zu versorgen und seine Rohstoffquellen für Deutschland zu sperren. Der Kreml signalisierte mit dieser Erklärung seine Bereitschaft, mit Berlin in näheren Kontakt zu treten, falls dies von deutscher Seite gewünscht werde.

Am 6, April 1939 schloß Außenminister Beck seinen Staatsbesuch in London ab und konnte zusammen mit Premierminister Chamberlain und Außenminister Lord Halifax ein gegenseitiges Hilfeleistungsabkommen zwischen Polen und Großbritannien in Aussicht stellen.

Der »Völkische Beobachter« Hitlers nannte dieses einen »gefährlichen Schritt« und zugleich ein Verlassen der vom polnischen Nationalhelden, Marschall Pilsudski, »vorgezeichneten klugen Bahn«, das zu einem »europäischen Brandstiftungsversuch« führen könnte. In diesem Zusammenhang kritisierte das Zentralorgan der NSDAP auch die Teilmobilmachung der polnischen Armee an der Grenze zu Deutschland und nannte sie eine »Herausforderung«.

Pilsudskis Weg verlassen

Im Schatten dieser hochpolitischen Ereignisse auf diplomatischer und publizistischer Ebene ereigneten sich auch einige Vorkommnisse, die von der Nachwelt kaum registriert wurden. Zu ihnen gehören der Selbstmord des früheren polnischen Ministerpräsidenten und engen Mitarbeiters Marschall Pilsudskis, Oberst Walery Slawek, am 4. April 1939 und die durch Strafaufschub ermöglichte Rückkehr des bisher im Exil lebenden Führers der polnischen Bauernpartei Witos samt seinen anderen oppositionellen Gesinnungsfreunden am 11. April 1939. Kann dem Freitod des Pilsudski-Vertrauten Slawek das Motiv einer Verzweiflung über den eingeschlagenen Kurs unterstellt werden, so ist es nicht ausgeschlossen, daß mit der Heimkehr der bisher in Polen unerwünschten Bauernführer ein Zeichen der »nationalen Konzentration« gesetzt werden sollte.

Unbestritten ist dagegen die Maßnahme des Warschauer Parlaments vom 11. April 1939 ein weiterer Schritt zur Konfrontationsbereitschaft gewesen, als beschlossen wurde, »im Falle der Mobilisierung oder bei sonstiger dringender Notwendigkeit« jedes im Privatbesitz befindliche Verkehrsmittel der Nationalverteidigung zur Verfügung zu stellen und die Bauern im gleichen Falle zu landwirtschaftlicher Kollektivarbeit zu verpflichten. Die Wehrbereitschaft Polens sollte durch diese Verfügungen erneut nachdrücklich unter Beweis gestellt werden.

Am 25. April 1939 stellte die polnische Presse fest, daß sich die Beziehung zwischen Moskau und Warschau angeblich in letzter Zeit »auf der Grundlage eines gutnachbarlichen Verhältnisses entwickele und daß nunmehr seitens der Sowjetunion ein besseres Verständnis für die polnischen Interessen zu bemerken« sei. Diese von Warschau mehr gewünschte als tatsächlich zu beobachtende Entspannung zwischen der Sowjetunion und Polen sollte Berlin andeuten, daß man immer größere Rückenfreiheit gewinne und sich nicht als eingekreistes Land erpreßbar fühlen müsse. In Wahrheit hatte sich der Kreml bereits insgeheim auf eine deutsch-sowjetische Annäherung eingestellt und stand der prowestlich ausgerichtete Außenminister Litwinow kurz vor seinem Rücktritt, der am 4. Mai 1939 dann auch offenkundig wurde. Im gleichen Ausmaße, wie das wohlwollende Interesse des Kremls an Deutschland stieg, fielen die Sympathien der Sowjetführung für Polen.

Lediglich Großbritannien bestärkte den polnischen Abwehrwillen, indem die Londoner Regierung am 26. April 1939 einen Gesetzentwurf über die Mobilisierung einbrachte, welcher die Einberufung der Reserven und Hilfskräfte in Zukunft wesentlich erleichtern sollte. In einem zweiten Gesetzentwurf war die Einführung einer beschränkten Dienstpflicht vorgesehen.

Beide Vorlagen sollten für den Zeitraum der nächsten drei Jahre Gültigkeit haben. Damit schien der Erwartung, daß in dieser Zeit ein militärischer Konflikt wahrscheinlich sein dürfte, weitgehend entsprochen.

Hitlers Antwort

Hitler reagierte auf diese polnischen und britischen Mobilisierungsvorkehrungen mit einer Rede vor dem Deutschen Reichstag, in welcher er am 28, April 1939 neben der Kündigung des deutsch-englischen Flottenabkommens von 1935 auch den deutsch-polnischen Vertrag vom Januar 1934 aufkündigte, was der Warschauer Regierung durch die Überreichung eines Memorandums noch förmlich zur Kenntnis gegeben wurde. Damit schien zwischen Polen und dem Deutschen Reich endgültig der Konfrontationskurs eingeschlagen, Dies wurde auch nach der Rede des polnischen Außenministers Beck vor dem Warschauer Abgeordnetenhaus am 5. Mai deutlich, als er auf das gegenseitige Hilfeleistungsabkommen mit England und die »Verstärkung« der Abmachungen mit Frankreich hinwies und zugleich Hitlers Anregung, neue Verhandlungen über einen künftigen deutsch-polnischen Vertrag einzuleiten, nur mit Vorbehalten aufnahm, bzw. Bedingungen an sie knüpfte. Wörtlich meinte der polnische Außenamtschef: »Unsere von Kriegen mit Blut getränkte Generation verdient gewiß eine Periode des Friedens. Aber der Friede hat einen hohen, wenn auch bestimmbaren Preis. Für uns Polen gibt es den Begriff des Friedens um jeden Preis nicht. Es gibt im Leben der Menschen, der Völker und der Staaten nur ein Ding, das nicht bezahlt werden kann: die Ehre, «

Damit stellte Beck klar, daß für sein Land weder ein zweites »München« noch gar eine »Protektorats-Lösung« in Frage komme, sondern die Toleranzschwelle gegenüber den deutschen Forderungen erreicht war.

Dies bekamen auch die Volksdeutschen in Polen immer schmerzlicher zu spüren. Mit ihnen und ihrer Lage befaßte sich die amerikanische Botschaft in ihrem Telegramm Nr. 1023 vom 6. April 1939, Danach hatten zwischen 1919 und 1926 insgesamt 990000 Volksdeutsche Polen verlassen, um sich in Deutschland niederzulassen, wobei der Anteil der städtischen Bevölkerung, der Lehrer und Öffentlich Bediensteten aus den nun westpolnischen Distrikten am größten war. Ausweislich der letzten Volkszählung in Polen betrug die Zahl der Volksdeutschen in Polen - laut US-Botschaftsbericht vom 6. April 1939 - 741000 Personen, was einen Anteil an der Gesamtbevölkerung von 2,3 Prozent ausmachte. Nach derselben Quelle lebten 1931 insgesamt 31915800 Menschen in der Republik Polen. Die zahlenmäßig stärksten deutschen Minderheiten lebten in den Provinzen Posen (193100), Lodsch (155300) und »Pomorze« (105400). Diese - deutsche - Minderheit hatte neben den Juden in Polen am stärksten die polnische »Staatshand« zu spüren und einschlägige Restriktionen der Regierung hinzunehmen. Mit dem Erstarken des Deutschen Reiches und der »Heimkehr« der Deutsch-Österreicher wie auch der Sudetendeutschen und der Memelländer erwachte auch bei den Volksdeutschen in Polen ein stärkeres Selbstbewußtsein, dem die Polen und ihre Behörden wiederum mit gesteigerten Amtsanmaßungen und Auflagen begegneten; eine Vorgehensweise, die bereits Reichsaußenminister Stresemann in den zwanziger Jahren scharf kritisiert und vor das Tribunal des Genfer Völkerbundes gebracht hatte, Mit den sich verschlechternden politischen und diplomatischen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau gingen auch Verständigungsbereitschaft und Verträglichkeit unter Deutschen und Polen in der Republik merklich zurück.

Diese Entwicklung beschleunigte sich noch, als Mitte Mai 1939 Agentenmeldungen in Warschau eingingen, die von einem unmittelbar bevorstehenden deutschen Überfall auf Polen meldeten. US-Botschafter Biddle berichtete davon »strictly confidential for the President and the Secretary« am 15, Mai 1939. Danach wollte Hitler seine Weltmachtpläne mit einem Angriff auf Polen im Juni zu verwirklichen suchen und einen Weltkrieg für den September in Kauf nehmen. Die Attacke auf Polen würde mit motorisierten Kräften gleichzeitig von Nord und Süd geführt und von einer schnellen Besetzung Danzigs flankiert. Darüber hinaus plante angeblich das deutsche Oberkommando einen konzentrierten Ausbruch aus dem Einkreisungsring im Osten und Südosten Deutschlands, bei gleichzeitigem Überrennen der »Siegfried- und Maginot-Linie« im Westen und einer erwarteten Bindung französischer Kräfte durch die Spanier im Pyrenäen-Gebiet sowie einem Einsatz großer Teile der deutschen Luftwaffe gegen England.

In einem zweiten Telegramm vom gleichen Tage (dem 15. Mai 1939) gab Botschafter Biddle die Einschätzung der aktuellen Lage und der Persönlichkeit Hitlers durch den polnischen Außenminister Beck wieder und meldete nach Washington, daß man in Warschau Hitler in der Defensive und ratlos sehe, da es deutsche - wie Österreichische - Mentalität sei, in der Offensive stark, in der Defensive dagegen verstört zu sein. Beck sah Hitlers inneres Gleichgewicht durch den englisch-polnischen Pakt, die Botschaft Präsident Roosevelts (vom 15. April 1939) an Hitler und Mussolini, den englisch-türkischen Pakt (vom 12. Mai 1939), Becks Gespräche mit dem stellvertretenden Sowjetaußenminister Potemkin und die Weigerung der skandinavischen Staaten, mit Deutschland einen Nichtangriffspakt abschließen zu wollen, gestört und meinte, daß eine Fortsetzung solcher Niederlagen den deutschen Diktator am ehesten in seine Schranken weisen dürfte. Nach Angaben Biddles war sich Beck des Ernstes der Lage bewußt und schloß sogar einen Krieg für die nächsten Tage nicht aus, Dennoch setzte er darauf, daß sich Hitler noch einen Rest von Vernunft bewahrt habe, um das Äußerste zu vermeiden, Gleichwohl sei aber der Zeitpunkt gekommen, um den Widerstandswillen unmißverständlich und Öffentlich zu bekunden. In diesem Zusammenhang äußerte sich Beck nochmals sehr befriedigt über den englisch-polnischen Pakt, welcher nach seiner Meinung das geeignete Mittel sei, um mit Diktatoren vom Schlage Hitlers wesensgemäß umzugehen und ihre aggressive Politik entsprechend zu beantworten.

Zwischenfall in Danzig

Wenige Tage nach diesem Botschaftsbericht kam es in der Nacht zum 21. Mai in Danzig zu einem Zwischenfall, bei welchem ein Danziger Bürger von einem polnischen Staatsangehörigen, nämlich dem Chauffeur eines Kraftwagens, in welchem der polnische Legationsrat Terkofwski saß, erschossen wurde, Nach polnischer Darstellung war die Tat des Chauffeurs Notwehr, da er Ziel eines provokatorischen Überfalls gewesen sei; das heißt, die Schuld an diesem Zwischenfall wiesen sich die deutsche und die polnische Seite gegenseitig zu. Zwei Tage später beschloß das sogenannte Dreierkomitee des Völkerbundes für Danzig, dem je ein Vertreter Englands, Frankreichs und Schwedens angehörten, in Übereinstimmung mit der polnischen Regierung, an dem Statut der Freien Stadt Danzig keine Änderung vorzunehmen und gleichzeitig den Hochkommissar des Völkerbunds für Danzig zu ersuchen, sich baldigst wieder in die Stadt zu begeben und einen Bericht über die dortige Lage zu verfassen. Am 24. Mai 1939 kam es zu einem scharfen Notenwechsel zwischen dem polnischen Generalkommissär in Danzig und der Danziger NS-Regierung über die Verantwortung für den blutigen Zwischenfall vom 21. Mai.

Am 31. Mai erhielt Polen eine indirekte Rückenstärkung durch Molotow, der in einer Rede vor den beiden Kammern des Obersten Sowjets von einer Besserung der Beziehung zwischen Moskau und Warschau sprach und im gleichen Zusammenhang die Politik Berlins gegenüber der ČSR und gegenüber dem Memelland scharf verurteilte. Es steht dahin, ob diese unfreundliche Rede des sowjetischen Ministerpräsidenten und Außenministers eine bewußte Provokation Berlins sein sollte oder die Antwort auf die geheime Anweisung aus dem Auswärtigen Amt war, vorläufig keine weiteren Anstrengungen für eine deutsch-russische Annäherung zu machen. Nach einem vertraulichen Botschaftsbericht Steinhardts aus Moskau vom 25. Mai 1939, soll der reichsdeutsche Missionschef, Graf von der Schulenburg, entsprechend instruiert worden sein, da sich offenbar Japan dadurch beunruhigt fühlte. Schon vierzehn Tage später hatte aber US-Botschafter Steinhardt »confidential« nach Washington zu melden, daß die deutsche und die sowjetische Regierung dennoch weiteren Kontakt miteinander halten. Drei Tage später, am 12. Juni 1939, berichtete der amerikanische Botschafter in Warschau, A. J. Drexel Biddle, über ein Gespräch, das er mit dem einflußreichen polnischen Handelsrat im Warschauer Außenministerium, Jan Wszelaki, geführt hatte, und teilte »strictly confidential« dem »Secretary of State« mit, daß nach Meinung seines Gesprächspartners die Polen bereit wären, für ihren Staat das Leben einzusetzen. Vor allem würde die polnische Armee einer Aggression widerstehen, zumal dabei auch noch auf die Hilfe rumänischer Truppen gezählt werden könnte. Auf alle Fälle würden sich die Polen anders verhalten als die Tschechen und den aggressiven Deutschen die Stirn bieten. Diese Entschlossenheit der Polen nahm man offenbar in Berlin immer noch nicht gebührend ernst. Anders scheint die Rede Joseph Goebbels' am 17. Juni 1939 in Danzig kaum erklärbar. Da qualifizierte Hitlers Propagandaminister die Ansprüche Warschaus und ihre Vertreter als »polnische Scharfmacher« ab und bezeichnete sie als »polnische Großsprechereien«, die man im Reich nicht sonderlich ernst nehme.

Die von Goebbels in seiner Ansprache erwähnten Bestrebungen Polens, Ostpreußen und Schlesien zu annektieren, die Oder als Grenzfluß zu erhalten und die Deutschen bei einem etwaigen Krieg »in einer kommenden Schlacht bei Berlin zusammenzuhauen«, sind freilich nicht neu. Sie wurden schon von den beiden britischen Diplomaten, William Strang und Gladwyn Jebb, in ihrem geheimen Reisebericht vermerkt und hatten insofern einen realen Hintergrund - ganz davon abgesehen, daß sich diese polnischen Wünsche dann 1945 zu erfüllen schienen.

Am 29. Juni 1939 unterstrich die polnische Führung wiederum den unerschütterlichen Selbstbehauptungswillen ihres Landes, indem Staatspräsident Moscicki anläßlich des »Tages des Meeres« eine Rede hielt, in welcher er feststellte: »Je mehr sich die außenpolitischen Verhältnisse zuspitzen, um so größer ist die Entschlossenheit der polnischen Nation zur Behauptung dieses Küstenstrichs an der Ostsee … Wir leben zwar in einer Zeit des Rüstungswettlaufs. Wir sind entschlossen, am polnischen Ufer der Ostsee den Frieden aufrechtzuerhalten; aber diese Absicht zwingt uns, die polnischen Streitkräfte zur See zu vermehren. Mächtig auf der Erde und in der Luft, wollen wir auch auf dem Meer stark werden zur Sicherstellung der Seemission der polnischen Nation.« .

Erklärungen Frankreichs und Englands

Im gleichen Zusammenhang gab die polnische Regierung bekannt, daß ihr von der Organisation eines deutschen Freikorps in Danzig zuverlässige Information vorliege, was die Krise um die Freistadt noch verschärfe. Der französische Außenminister Bonnet sah sich am 2. Juli veranlaßt zu erklären, daß Frankreich ebenso wie England getreu den übernommenen Verpflichtungen fest entschlossen sei, nicht zu dulden, daß der Status quo in Danzig oder im polnischen Korridor geändert werde, »sei es durch eine einseitige Aktion von innen, sei es durch eine Gewalthandlung von außen«.

Hintergrund dieser Verlautbarung waren verbreitete Gerüchte, nach welchen Hitler angeblich nach Danzig kommen wollte, um dort den Anschluß Danzigs an das Deutsche Reich zu proklamieren.

Dies unterstellte auch Chamberlain, als er am 10. Juli 1939 vor dem britischen Unterhaus erklärte:

»Die jüngsten Vorkommnisse in Danzig haben unvermeidlich Anlaß zu Befürchtungen gegeben, daß beabsichtigt sei, den künftigen Status der Stadt durch eine einseitige, mit verborgenen Methoden organisierte Aktion zu regeln und auf diese Weise Polen und andere Mächte vor eine vollendete Tatsache zu stellen … Wir haben garantiert, daß wir Polen unseren Beistand geben im Falle einer klaren Bedrohung seiner Unabhängigkeit, der mit seinen nationalen Streitkräften Widerstand zu leisten es als lebenswichtig betrachtet, und wir sind fest entschlossen, diese Verpflichtung auszuführen.« Die Anwesenheit des NS-Gauleiters von Danzig, Forster, in Berchtesgaden und sein Gespräch mit Hitler auf dem Berghof am 13. Juli verdichteten ausländische Zeitungen zu dem Gerücht, daß die Danziger Nationalsozialisten Hitler zum Präsidenten der Freien Stadt Danzig wählen und auf diese Weise durch Personalunion die Stadt mit dem Deutschen Reich vereinen wollten. Die polnische Regierung reagierte auf diese Vermutungen mit der amtlichen Mitteilung vom 24. Juli 1939, in welcher es hieß:

»Ohne Rücksicht auf die Art, in welcher Deutschland die Freie Stadt Danzig dem Reiche einzugliedern wünscht, erklären die polnischen politischen Kreise, daß schon die Tatsache des Anschlusses allein eine unerlaubte Beugung des derzeitigen politischen und gesetzlichen Standes der Dinge darstellen und deshalb auch die entsprechende Antwort nach sich ziehen würde.«

Mit diesen Erklärungen von britischer, französischer und polnischer Seite sollte in Berlin nunmehr hinlänglich klar geworden sein, daß ein weiteres Rütteln am Status von Danzig zu einer militärischen Auseinandersetzung führen müßte und sich mithin ein »Münchener Abkommen« oder ein März 1939 nicht wiederholen dürfte. Warschau erklärte den überkommenen Status quo Danzigs zum Ehrenpunkt, der nicht verhandlungsfähig sei, und die verbündeten Westmächte bestärkten Polen in seiner Haltung nachdrücklich.

Die Meinung polnischer Militärs

Im Sinne der Beckschen psychologischen Strategie gegenüber Hitler, nämlich der Demonstration von Entschlossenheit und Stärke, meldeten sich in den nachfolgenden Tagen und Wochen zunehmend mehr Militärs zu Wort.

Unter ihnen spielte naturgemäß Marschall Rydz-Smigly eine herausragende Rolle. Und so nahm es nicht wunder, daß er auch bevorzugt von ausländischen Diplomaten um seine Lagebeurteilung angegangen wurde. US-Botschafter Biddle gehörte zu seinen ausgewählten Gesprächspartnern und meldete ausführlich über seine Unterhaltung nach Washington. Dabei erscheint das Geheimtelegramm »strictly confidential« vom 26. Juli 1939 »For the President and the Secretary« besonders aufschlußreich. Es beinhaltet die neueste militärische Lagebeurteilung des obersten polnischen Soldaten und zeugt von der schier unaufhaltsamen Entwicklung zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Polen und Deutschland, Etwa, wenn die polnische Armeeführung zwei Divisionen zusätzlich an die deutsch-polnische Grenze verlegte, stationierten die Deutschen im Gegenzug drei Divisionen in den Gebietsstreifen gegenüber, In den letzten Tagen, so erläuterte Rydz-Smigly dem US-Botschafter, hätte eine Konzentration deutscher Truppen vis-à-vis von Posen stattgefunden; und in allerjüngster Zeit im Gebiet von Breslau-Oppeln, was aber immer noch nicht sehr alarmierend wäre, Nach Meinung des polnischen Marschalls würden die Deutschen rund zwei Wochen benötigen, um hinreichend Kräfte für einen Schlag gegen Polen zu mobilisieren: eine Voraussage, welche Botschafter Biddle glaubte durch eine zusätzliche Nachricht ergänzen zu müssen.

Nach jüngsten geheimdienstlichen Erkenntnissen, so vertraute Rydz-Smigly dem amerikanischen Botschafter an, gäbe es bei den deutschen Offizieren eine Urlaubssperre und wären im Ernteeinsatz befindliche Reservisten für den 10. August 1939 zur militärischen Verwendung vorgesehen. Die Wahrscheinlichkeit eines Krieges sei in letzter Zeit größer gewesen als die Möglichkeit seiner Verhütung, doch hätte sich die Politik der Stärke und Entschlossenheit bewährt und die Anti-Aggressions-Front an Stärke zugenommen, was zu Lasten der Achse gegangen sei. Die Zeit arbeitete letztlich gegen Deutschland; nach einem Jahr dürfte die militärische Stärke der Anti-Aggressions-Front (= Polen mit England und Frankreich samt ihren Verbündeten) ziemlich sicher jene der Achse eingeholt haben und in zwei Jahren sogar überflügeln. So seien sich Rydz-Smigly und Außenminister Beck in der Überzeugung einig, daß nur eine feste Haltung der Anti-Aggressions-Front letztlich ein wirksames Gegengewicht gegen Deutschlands Expansionsgelüste darstelle und daß die Sprache der Stärke die einzige sei, die Hitler mit Erfolg zum Stehen bringen könne. Der braune Diktator gebrauche seine Streitkräfte eigentlich mehr als Erpressungsmittel denn als »a factor intended to come actually to grips with formidable strength«, wie Biddle die Meinung Becks und Smigly-Rydz' zusammenfaßte. Gleichwohl würde Hitler wachsam bleiben, um jedes Zeichen von Schwäche der Anti-Aggressions-Front für sich auszunutzen und loszuschlagen. Im State Department hielt man dieses Telegramm Biddles für so bemerkenswert und wichtig, daß Unterstaatssekretär Sumner Welles es zusammen mit anderen Depeschen aus Warschau Präsident Roosevelt zur persönlichen Kenntnisnahme zuleitete, wie eine Briefanlage ausweist. Am 17. August 1939 wandte sich Botschafter Biddle wiederum »strictly confidential« an den Präsidenten und an den Außenminister, um von den Massenverhaftungen Volksdeutscher zu berichten, die unter dem Vorwand der Spionage und Agententätigkeit festgenommen worden waren. Unter den Festgenommenen befand sich auch Rudolph Weisner, einer der prominenten Führer der deutschen Minderheit in Polen, den die Polen nunmehr als »ehemaliges« Mitglied des Polnischen Senats bezeichneten, wie Biddle in seinem Geheimbericht vermerkte. Hintergrund für die Verhaftungswelle war der Verdacht, daß die Volksdeutschen als »fünfte Kolonne« für Berlin arbeiteten und auch hinter bestimmten Grenzzwischenfällen, bei denen polnische Menschen zu Schaden gekommen waren, steckten, Das amerikanische Botschaftstelegramm vom 17. August 1939 erwähnt einige Beispiele, die der deutschen Minderheit angelastet wurden. Ob die Vorwürfe objektiv zu Recht bestanden, dürfte nicht mehr feststellbar sein, Für die aufgebrachte polnische Mehrheit genügte jedenfalls bereits der Verdacht, um die Aktion als gerechtfertigt anzusehen. Daß möglicherweise mehr Ressentiment und Stimmungsmache hinter dem Argwohn gegenüber den Volksdeutschen stand, erhellt aus einer Bemerkung, die der schon erwähnte Handelsrat Wszelaki in einem Gespräch mit den britischen Diplomaten Strang und Jebb im Mai 1939 machte. Danach befürchtete er nach dem möglichen Ausbruch eines Krieges ein schreckliches Massaker unter den Volksdeutschen, wie es dann in den ersten September-Tagen tatsächlich eintrat und rund fünftausend Volksdeutschen das Leben kostete.

Von der emotional geladenen Stimmung der Polen hatte US-Botschafter Biddle schon am 9. August 1939 nach Washington berichtet, als er die 25-Jahr-Feier der Gründung der Pilsudski-Legion am 6. August in Krakau schilderte und die Rede Marschall Rydz-Smiglys wiedergab. In ihr hatte der polnische Oberkommandierende mit markigen Worten klargestellt, daß die Stadt Danzig Jahrhunderte hindurch mit Polen und seiner Wirtschaft verbunden gewesen sei, daß Gewalt mit Gegengewalt beantwortet würde und daß sich die Polen an Vaterlandsliebe nicht von den Deutschen übertreffen ließen, um dann beim Schluß seiner Ansprache aus dem Munde der versammelten Legionäre und der über hunderttausend Zuhörer aus ganz Polen das Gelöbnis zu hören: »Wir schwören, während eines Krieges ungebrochen bis zum Siege zu kämpfen.« Biddle meinte, daß die in Krakau versammelte Volksmenge wohl die Stimmung aller Polen wiedergegeben habe. Im übrigen habe Rydz-Smigly den Kern seiner Krakauer Ausführungen auch schon in einem Interview mit der amerikanischen Journalistin Mary Heaton Vorse zum Ausdruck gebracht. Biddle übermittelte dessen Wortlaut in einer Anlage zu einem Geheimtelegramm vom 9. August. Danach sagte der Marschall seiner Gesprächspartnerin, daß Polen entschlossen sei zu kämpfen, falls Deutschland seine Anschlußpläne mit Danzig weiter verfolge. Darin seien sich im übrigen alle Polen einig, da Danzig für Polen absolut notwendig sei. Im übrigen lerne schon jeder polnische Junge gleichsam mit dem Gebet, daß er ein guter Soldat werden soll, um sein Vaterland verteidigen zu können.

Quintessenz der Biddleschen Meldungen aus Warschau war, daß Marschall Rydz-Smigly - wie Außenminister Beck - die Memung vertrat, »that durable peace could not be secured by the granting of further territorial concessions in Eastern and Central Europe to Hitler«, also mit weiteren Zugeständnissen an Hitler letztlich doch kein dauerhafter Friede aufrechterhalten lasse.

Damit war der polnische Standpunkt oft und deutlich genug dem potentiellen Kontrahenten im Westen klargemacht und eigentlich jeder Zweifel über seine Ernsthaftigkeit beseitigt. Die deutsche Seite antwortete auf die zahlreichen Entschlossenheitsbekundungen Warschaus nur in Reden untergeordneter Personen, etwa des Danziger Gauleiters Forster oder eines beamteten Regierungssprechers.

Deutsch-sowjetische Verbindungen

Auf höchster Ebene enthielt man sich in Berlin auffallend einer eindeutigen Stellungnahme; vielmehr arbeitete man dort an einem Überraschungscoup, der das ganze Bündnis- und Beistandsgebäude, die sogenannte Anti-Aggressions-Front, zum Einsturz bringen sollte: an einem Übereinkommen mit der Sowjetunion. Ausweislich der vertraulichen amerikanischen Botschaftsberichte aus Moskau steuerte Berlin auf einen solchen Abschluß seit dem Spätfrühjahr 1939 hin. Am 21. August 1939 waren die Verhandlungen dann soweit fortgeschritten, daß sie in ein unterschriftsreifes Ergebnis mündeten und der Abschluß eines Vertrages bekannt gemacht werden konnte.

Warschau, das man mit dieser deutsch-sowjetischen Annäherung einschüchtern wollte, zeigte sich jedoch unbeeindruckt und ließ am 22. August erklären:

»Die Ankündigung des bevorstehenden Abschlusses des Nichtangriffspaktes zwischen Deutschland und der Sowjetunion hat in den polnischen Kreisen keinen großen Eindruck gemacht; denn im Grunde genommen bringt dieser Abschluß keine tatsächliche Änderung des Gleichgewichts der Streitkräfte in Europa … Der Abschluß des Nichtangriffspaktes wird keinen Einfluß auf die Lage und die Haltung Polens ausüben. « Man konnte an der Weichsel kaum ahnen, daß der Nichtangriffspakt lediglich das Feigenblatt für das viel bedeutsamere »Geheime Zusatzprotokoll« zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR war, in welchem Polen in ein künftiges deutsches und ein sowjetrussisches Einflußgebiet aufgeteilt wurde, also seine Selbständigkeit beendet werden sollte, wie es dann im September 1939 auch geschehen ist.

USA täuschen Polen weiterhin

Von dieser höchst bedrohlichen Absicht Hitlers und Stalins hätte freilich die polnische Regierung Kenntnis bekommen können, wenn sich das State Department oder das Weiße Haus in Washington entschlossen hätte, sein insgeheim erworbenes Mitwissen um diese Diktatoren-Allianz dem befreundeten Polen weiterzugeben. Seit Einsichtnahme in das Geheimtelegramm der US-Botschaft in Moskau vom 24. August 1939 wissen wir, daß die amerikanische Regierung schon wenige Stunden nach Unterzeichnung des »Geheimen Zusatzprotokolls« über seinen Inhalt benachrichtigt worden ist. Bedenkt man die Freimütigkeit, mit der die polnische Regierung die US-Vertreter in Warschau über alle wichtigen Vorgänge informierte, wäre eine entsprechende Vertraulichkeit gegenüber Polen seitens der amerikanischen Regierung natürlich zu erwarten gewesen; und erinnert man sich der Öffentlichen Reaktionen westlicher Regierungskreise auf vermeintliche Unternehmungen Berlins in Sachen Danzigs, muß man sich über die Hinnahme dieser ebenso imperialistischen wie sensationellen Interessenaufteilung des polnischen Landes wundern.

Die nach dem 23. August 1939 feststellbaren Verlautbarungen der »Anti-Aggressions-Front« nahmen zumindest keinen Bezug auf den Inhalt des sowjetisch-deutschen »Zusatzprotokolls« zum Hitler-Stalin-Pakt, sondern kommentierten im wesentlichen die eingetretenen Ereignisse, bzw. reagierten gezielt und Öffentlich auf den publizierten Text des deutsch-sowjetischen Abkommens, So unterzeichnete die britische Regierung am 25. August 1939 das englisch-polnische gegenseitige Hilfeleistungsabkommen und betonte dabei ihre Entschlossenheit, zu ihren Verpflichtungen gegenüber Polen zu stehen, und bekräftigte der französische Ministerpräsident Daladier am gleichen Tage die schicksalhafte Verbundenheit seines Landes mit dem Volke der Polen. Und US-Präsident Roosevelt richtete am 25. August 1939 eine Botschaft an Hitler: nicht um dessen Komplizenschaft mit Stalin anzuprangern, sondern um eine schiedlichfriedliche Lösung des deutsch-polnischen Gegensatzes anzuregen und dabei die eigenen Dienste anzubieten. Nach Eingang der polnischen Zustimmung zu Roosevelts Verhandlungsvorschlägen wandte sich dieser am 26. August 1939 erneut an Hitler und führte aus: »Moscicki hat in seiner Antwort erklärt, die polnische Regierung sei geneigt, auf der in meinen Botschaften vorgeschlagenen Grundlage die Gegensätze zwischen Polen und dem Deutschen Reich durch unmittelbare Verhandlungen oder durch ein Schlichtungsverfahren zu regeln. Man kann noch das Leben zahlloser Menschen retten, und wir sind noch von der Hoffnung erfüllt, daß die Nationen der modernen Welt die Basis friedlicher und glücklicherer Beziehungen schaffen können, wenn Sie und die Reichsregierung der von der polnischen Regierung angenommenen friedlichen Regelung zustimmen.«

Bei Eintreffen dieser Roosevelt-Botschaft sollte die deutsche Wehrmacht nach den Plänen Hitlers bereits in Polen einmarschiert sein, hatte doch der deutsche Kanzler schon am 25. August 1939, um 14:50 Uhr, den Befehl erteilt, am 26. August um 4:45 Uhr den Angriff auf Polen zu eröffnen. Diesen Vormarschbefehl ließ er dann am gleichen Tage, um 18:15 Uhr, widerrufen, um auf die neuesten diplomatischen Interventionen Englands, Frankreichs und der USA eingehen zu können. Die von ihm in das deutsch-sowjetische Bündnis gesetzte Erwartung, daß sich England und Frankreich nunmehr von ihren Zusicherungen an Polen distanzieren würden und ein Feldzug gegen Polen mithin isoliert geführt werden könnte, hatte sich als Fehlspekulation erwiesen und veranlaßte ihn zu einem Aufschub von einigen Tagen. In dieser Zeit bemühte sich bekanntlich Großbritannien um eine direkte Verständigung zwischen Berlin und Warschau und ließ Hitler (am 30. August) seinen 16-PunkteVorschlag für eine Regelung des Danzig-Korridor-Problems sowie der deutsch-polnischen Minderheitenfrage unterbreiten. Er sah die Rückkehr Danzigs in den deutschen Staatsverband, im Gebiet des polnischen Korridors eine Volksabstimmung »nicht vor Ablauf von 12 Monaten« und einen danach stattfindenden Bevölkerungsaustausch vor sowie polnische Sonderrechte im Hafen von Danzig, die Demilitarisierung der Halbinsel Hela und eine »international zusammengesetzte Untersuchungskommission« zur Beilegung der Minderheitenfrage. Bei Verständigung auf dieser Grundlage sollten sich Polen und Deutschland bereit erklären, »die sofortige Demobilmachung ihrer Streitkräfte anzuordnen und durchzuführen«. Ein Angebot, vor dem der deutsche Chefdolmetscher Paul Schmidt nach dem Krieg berichtete, daß es von Hitler selbst nur als »Alibi« und nicht ernst gemeint unterbreitet worden sei, wie ihm der braune Diktator »mit nicht zu übertreffender Klarheit bestätigt« habe.

Fest steht jedenfalls, daß die polnische Regierung für den 30. August 1939 die Generalmobilmachung angeordnet und bis zum Abend des 31. August keinen bevollmächtigten Vertreter zur Entgegennahme der angeführten 16 Punkte nach Berlin entsandt hatte, wie es auch aktenkundig ist, daß am 31. August 1939 um 12:40 Uhr die Weisung an die deutsche Wehrmacht ging, am 1. September 1939, um 4:45 Uhr, die Kampfhandlungen gegen Polen zu eröffnen.

Damit verstummten die Stimmen der Diplomaten und der Vernunft und dröhnten die Waffen - begleitet von tönenden Deklamationen beider Seiten.

Die schlechteste aller Lösungen schien gekommen: der Krieg.