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Am 6. September 1946 reiste der amerikanische Außenminister James F. Byrnes - im ehemaligen Salonwagen Hitlers - von Berlin in die Südwestmetropole Stuttgart. Zu seiner Begleitung gehörte der einflußreiche, mehrfach mit sowjetkritischen Äußerungen hervorgetretene Senator Arthur H. Vandenberg. In der Stuttgarter Staatsoper erwarteten die Delegation maßgebliche Besatzungsoffiziere und die Ministerpräsidenten der neugebildeten süddeutschen Länder, so der schwäbische Altliberale Reinhold Maier, der bayerische Sozialdemokrat Wilhelm Hoegner und der Christdemokrat Professor Karl Geiler.

Über dem Treffen lag eine eigentümliche Atmosphäre hoher Spannung und großer Erwartung; denn längst spürten alle in Stuttgart Versammelten, daß der sich entwickelnde Ost-West-Konflikt eine Wende der amerikanischen Deutschlandpolitik erfordern würde.

Keine Rachsucht

In der Tat ließ Byrnes bei diesem Treffen gleich in seinen ersten Sätzen erkennen, daß er nach Deutschland gekommen war, um ein neues Programm vorzustellen. Dieses sollte die bisherigen Leitlinien der Besatzungspolitik korrigieren und veränderte Schwerpunkte setzen. "Wir werden uns gegen zu harte und von Rachsucht diktierte Maßnahmen wenden, die einem wirklichen Frieden im Wege stehen", führte Byrnes aus. Dann sagte er, daß dem deutschen Volk nicht das Recht verwehrt werden solle, mit harter Arbeit und einfacher Lebensweise den Aufbau einer Industrie voranzutreiben, die friedlichen Zwecken dient.

Mit Byrnes hob erstmals seit dem Kriegsende ein ranghoher amerikanischer Politiker hervor: "Das amerikanische Volk wünscht, dem deutschen Volk eine deutsche Regierung zurückzugeben." Die USA wollten den Deutschen helfen, ihren Weg zu einem ehrenvollen Platz unter den freien und friedliebenden Nationen der Welt zu finden, hieß es. Mit dieser programmatischen Aussage zog der amerikanische Außenminister in Stuttgart zugleich einen Schlußstrich unter die umstrittene Morgenthau-Idee, die eine teilweise Deindustrialisierung Deutschlands vorgesehen hatte.

Die Verfassung

Byrnes forderte nun sogar die rasche Wiederherstellung eines deutschen Staates, der zwar föderalistisch gegliedert, aber mit zentralen Behörden ausgestattet sein sollte. Dies lief auf die baldige Ausarbeitung einer Verfassung und schließlich auf die Bildung einer Bundesregierung hinaus. Daß Byrnes an jenem 6. September 1946 lediglich den staatlichen Aufbau der drei Westzonen im Auge hatte, sagte er seinem Stuttgarter Publikum allerdings nicht. Als sensationell empfanden die Zuhörer damals jedoch die Äußerungen des Redners über die deutschen Ostgebiete. Er ließ mit den Worten seiner Rede keinen Zweifel daran, daß von einer endgültigen Abtrennung dieser Gebiete nicht die Rede sein könne und daß die deutschen Ostgrenzen bindend erst durch einen Friedensvertrag geregelt werden könnten.

Das Echo auf diese Rede war geteilt. In London stimmte man Byrnes Empfehlungen grundsätzlich zu, wenngleich Kritiker fragten, ob die Deutschen für eine eigene Regierung bereits reif seien. Erhebliche Einwände gegen die Byrnes-Initiative kamen dagegen aus Paris und Moskau.

Washington war also von einer einvernehmlichen Deutschlandpolitik mit den anderen Mächten im Alliierten-Kontroll-Rat abgekehrt.

Kalter Krieg

Der Hintergrund für diese Wende lag im eskalierenden Ost-West-Konflikt, dem Beginn des Kalten Krieges. Die entgegengesetzten Interessen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion stießen nicht nur, aber vor allem in der Mitte Europas diametral aufeinander. Beide Seiten hatten schon seit dem Herbst 1945 mit der Vorbereitung oder Etablierung gegensätzlicher Gesellschaftsordnungen in ihren jeweiligen Besatzungszonen begonnen.

Die Truman-Administration in Washington bekräftigte bereits seit dem Frühjahr 1946 ihre hart unnachgiebige Haltung gegenüber Moskau. Die sowjetische Seite wiederum befürwortete - nicht zuletzt unter dem damals starken ideologischen Einfluß von Andrej A. Shdanow - einen entschlossenen, teilweise sogar vulgären Antiamerikanismus, der aus dem Argument hergeleitet wurde, daß die Welt nunmehr in zwei feindliche Lager gespalten sei. Die deutsche Frage war in jene Dynamik des Kalten Krieges eingebettet und wurde das Symbol der sich verschärfenden Konfrontation zwischen Ost und West.

Weg zur Trizone

Unter dem Eindruck der sich abkühlenden Beziehungen der ehemaligen Alliierten und aus der Befürchtung, ganz Deutschland an die Sowjetunion zu verlieren, entschied sich die Truman-Administration für die Wende in ihrer Deutschland-Politik. Sie räumte nun dem Aufbau eines westdeutschen Teilstaates Priorität vor einer gesamtdeutschen Lösung ein.

In diesem Sinne hatte auch der bekannte Sowjet-Experte George F. Kennan die Eindämmungspolitik ("policy of containment") angeregt und 1946 in Memoranden an das State Department verlangt, die USA sollten sich "um die Rettung der westlichen Zonen bemühen, indem man sie gegen östliche Durchdringung abschließt und sie statt in ein geeintes Deutschland in die westeuropäische Region integriert".

Die Byrnes-Rede gab den Auftakt für jenen Prozeß: Am 1. Januar 1947 wurde die Bizone, bald darauf die Trizone geschaffen. Die Stuttgarter Rede des amerikanischen Außenministers war der Startschuß für die Bildung der Bundesrepublik